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Dr. Ulrich Kleemann:
„Bewertung des Endlager-Standortes Gorleben – Geologische Probleme und offene Fragen im Zusammenhang mit einer Vorläufigen Sicherheitsanalyse Gorleben“ (2011).
Eine Studie im Auftrag der Rechtshilfe Gorleben.

Die vollständige Studie und die Anlagen können hier abgerufen werden

Studie (pdf, 0,5 MB)

Anlagen (pdf, 5,4 MB)
 

Zusammenfassung

Gorleben käme bei einem Standortvergleich nicht in die engere Wahl –
BGR ignoriert den aktuellen Stand der Wissenschaft

Der Salzstock Gorleben würde in einem ergebnisoffenen Standortauswahlverfahren schon auf Basis der vorhandenen wissenschaftlichen Publikationen nicht in die engere Wahl als Endlager-Standort kommen können. Doch die für die geologische Bewertung des Salzstockes zuständige Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ignoriert den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Das ist das zentrale Ergebnis einer Expertise des Geologen Dr. Ulrich Kleemann, der bis April 2010 als Fachbereichsleiter im Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) für die Endlagerung zuständig war.

Kleemann hat die vier von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in den Jahren 2007 bis 2011 veröffentlichten Berichte zu den Erkundungsergebnissen im Salzstock Gorleben sowie weitere BGR-Äußerungen ausgewertet und mit aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften verglichen. Auf der Basis einer intensiven Literaturrecherche kommt der Geologe zu dem Schluss: Der Salzstock liegt in einer aktiven Störungszone. Außerdem befinden sich potentiell gasführende Schichten unterhalb des Salzstocks. Allein diese beiden Ergebnisse würden aber nach den Kriterien des Arbeitskreises Endlager (AKEnd 2002) zwangsläufig zu einem Ausschluss des Standortes führen. Ein bedeutender Standortnachteil ist auch die Tatsache, dass über dem Salzstock Gorleben eine schützende Tonschicht fehlt, die an anderen Salzstöcken noch intakt ist.

Doch diese Erkenntnisse werden von der BGR komplett ausgeblendet. Wesentliche aktuelle Publikationen zum geologischen Bau Norddeutschlands tauchen in den BGR-Arbeiten zu Gorleben schlicht nicht auf. Studien, die die von der BGR seit Jahrzehnten vertretene These der „Eignungshöffigkeit“ des Salzstocks Gorleben in Frage stellen, werden nicht erwähnt, Zitate aus Fachzeitschriften nur dann hinzugezogen, wenn sie nicht gegen den Standort Gorleben ausgelegt werden können. Offenbar hat die frühe Fixierung auf Gorleben bei der Behörde zu einer einseitigen Wahrnehmung geologischer Phänomene und zum Ausblenden kritischer Fakten geführt. Vor diesem Hintergrund ist sicher nicht zu erwarten, dass die BGR zu einer ergebnisoffenen Bewertung der Eignung des Salzstockes in der Lage ist.

Ausschlusskriterium 1: Gas kann von unten in den Salzstock eindringen
Etwa 15 km in südwestlicher Verlängerung des Salzstocks Gorleben befand sich in der Altmark um Salzwedel/Peckensen die größte Erdgaslagerstätte der damaligen DDR. Unterhalb des Salzstocks Gorleben-Rambow gab es 1969 in Lenzen östlich der Elbe und damit ebenfalls in der damaligen DDR in rund 3500 Meter Tiefe eine schwere Gasexplosion. Obwohl schon bei der Standortfestlegung durch Ministerpräsident Albrecht im Februar 1977 die Gasproblematik den Fachbehörden grundsätzlich bekannt war, sind vertiefende Untersuchungen zur Ausbreitung dieser Schichten unter dem geplanten Endlager-Standort durch die BGR unterblieben.
Eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2004 zeigt nun auf Basis von Bohrungsergebnissen, dass eine potenziell gasführende Schicht von der Altmark bis nach Lenzen reicht und unter dem geplanten Endlager-Standort eine Mächtigkeit zwischen 50 und 75 Metern erreicht. Damit ist die Existenz von Gas unter dem Endlager noch nicht erwiesen, aber möglich. Diese Arbeit wird von der BGR weder zitiert, noch werden ihre Ergebnisse diskutiert. Das korrespondiert mit der Tatsache, dass die Behörde bei ihrer geologischen Beschreibung des Standortes Gorleben das gesamte Zeitalter der sogenannten Rotliegenden grob vernachlässigt, obwohl es eine Phase dramatischer Umbrüche in der Landschaft war. Aus dieser Zeit datieren auch jene Schichten unterhalb des Gorlebener Salzstocks, in denen Gaslager auftreten können.
Um zu klären, ob Gas in den Salzstock von unten eindringen kann, muss untersucht werden, ob ungestörte Schichten dies verhindern können. Die BGR sprach schon 1980 von ruhigen Verhältnissen unter dem Salz und schloss die Existenz von Brüchen aus. Die dazu herangezogenen seismischen Untersuchungen lassen eine solche Aussage jedoch nicht zu, weil die dabei angewendeten Methoden mögliche Brüche teilweise gar nicht erfassen können.
In der Erdöl- und Erdgasindustrie hat sich längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass nur durch aufwendige 3D-seismische Untersuchungen Brüche nachgewiesen werden können. Beispiele aus der Literatur verdeutlichen das eindrucksvoll. Solche 3D-Untersuchungen wurden in Gorleben aber nicht durchgeführt. Die Aussagen der BGR zum angeblich ruhigen Untergrund sind daher wertlos.
Hinzu kommt, dass es zahlreiche Hinweise auf einen Aufstieg des Salzstockes in einer Bruchzone gibt, die plausibel sind. Für die DDR-Erdölgeologen war die Existenz einer solchen Bruchzone Fakt (Salzwedel-Rambower-Tiefenbruch). Auch in anderen Veröffentlichungen aus jüngster Zeit wird eine solche Störung angenommen, auf die schon Prof. Eckhard Grimmel 1979 hingewiesen hatte. Alle diese Indizien werden von der BGR ignoriert oder mit veralteten und deshalb wertlosen Untersuchungsmethoden angeblich widerlegt. Tatsache jedoch ist, dass eine Reihe von Studienergebnissen dafür sprechen, dass die zahlreichen Bruchstörungen unter dem Salzstock seinen Aufstieg bewirkten und das Eindringen von Gas ermöglichen. Wer ein Endlager in einem Salzstock errichten will, muss einen solchen Fall aber sicher ausschließen können. Die BGR kann das nicht.

Ausschlusskriterium 2: Der Salzstock liegt in einer aktiven Störungszone
Im Endlagerbereich dürfen keine aktiven Störungszonen vorliegen, da Bewegungen an solchen Zonen die Unversehrtheit der Geologischen Barriere gefährden würden. Nach den Kriterien des AKEnd kommen nur solche Bereiche für die Endlagerung in Frage, wo für den Zeitraum der letzten 34 Millionen Jahre nachweislich keine Bewegungen stattgefunden haben oder solche Bewegungen zumindest für sehr unwahrscheinlich gehalten werden.
Allerdings: Mitten durch den Salzstock Gorleben-Rambow zieht eine bedeutende Störungszone Mitteleuropas, das Elbe-Lineament (auch Hamburg-Krakau-Linie oder Unterelbe-Linie genannt). Diese Störungszone ist schon vor rund 400 Millionen Jahren als bedeutende Naht angelegt worden und im Laufe der Erdgeschichte immer wieder reaktiviert worden. Dies wird auch von der BGR nicht bestritten.
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob es sich hier um eine aktive Störungszone handelt. Von der Behörde wird das ohne Vorliegen von Fakten verneint. Bei der BGR hört sich das so an: „Da ihre Ursachen…noch wenig erforscht sind und sich zeitlich wie räumlich überlagern können, sind weitreichende Schlussfolgerungen über eine neotektonische Aktivität der Unterelbe-Linie mit großen Unsicherheiten behaftet.“ Mit anderen Worten: Da nichts über die neotektonische Aktivität bekannt ist, darf diese auch nicht da sein. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, würde der Volksmund wohl sagen.
Dabei gibt es gleich mehrere Hinweise auf eine aktive Störungszone, die von der BGR jedoch - bewusst oder aus Unvermögen - nicht zur Kenntnis genommen werden. Zahlreiche neuere geophysikalische Arbeiten beschäftigen sich mit dem aktuellen Spannungsfeld in Norddeutschland und unterstreichen die große Bedeutung des Elbe-Lineaments. Genau in diesem Bereich schwenkt die Hauptspannungsrichtung deutlich um. Solche Veränderungen im Spannungsfeld müssen zu Bewegungen in Form von Brüchen führen. Auch an Hand von GPS-Daten ist dies nachvollziehbar.
Völlig ignoriert werden von der BGR die Arbeiten des früheren Leiters des Brandenburgischen Landesamtes für Geologie, Dr. Werner Stackebrandt. Dieser publizierte mehrfach über die aktive Störungszone, die er Mitteleuropäische Senkungszone nennt. Stackebrandt findet deutliche Hinweise, dass im Zeitraum der letzten 34 Millionen Jahre Bewegungen stattgefunden haben. Nach den Kriterien des AKEnd ist Gorleben damit als Endlager-Standort auszuschließen. Auch die Bildung und Lage der eiszeitlichen Rinnen wird von Stackebrandt mit dieser aktiven Störungszone erklärt, ohne dass dies von der BGR zur Kenntnis genommen, geschweige denn näher diskutiert wird. Stackebrandt rät sogar zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen bei der Gründung „sensibler Bauwerke“. Diese Definition trifft zweifellos auf ein Endlager für radioaktive Abfälle zu.

Eindeutiger Standortnachteil: Deckschichten fehlen nicht zufällig
Bevor die Erkundungsarbeiten begannen, waren die BGR und das im gleichen Haus angesiedelte Niedersächsische Landesamt für Bodenforschung (NLfB) fest davon überzeugt, dass über dem Salzstock eine schützende Tonschicht vorhanden ist. Denn natürlich ist jedem Geologen klar, dass zwei Barrieren immer besser sind als eine einzige. Eine Tonschicht über dem Salzstock würde den Zutritt von Grundwasser von oben und damit eine Auflösung des Salzes verhindern.
Als 1981 nach Vorliegen der Bohrergebnisse des Quartär-Geologen Prof. Klaus Duphorn die Existenz einer tiefreichenden eiszeitlichen Rinne (Gorleben-Rinne) und damit eine Verletzung der schützenden Tonschicht bekannt wurde, änderte die BGR ihre Argumentationslinie. Nunmehr wäre allein ein großer homogener Salzkörper als Wirtsgestein ausreichend. Doch wie sieht dies im Vergleich mit anderen Salzstöcken aus?
Die BGR vertritt folgende These: Innerhalb der nächsten eine Million Jahre werden etwa acht bis zehn weitere Eiszeiten auftreten, die ganz Norddeutschland auf gleiche Weise treffen können. Also muss auch bei allen Standorten in Norddeutschland gleichermaßen (auch im Ton) mit tiefreichenden Rinnen gerechnet werden. Beim Salzstock Gorleben-Rambow ist diese Entwicklung quasi nur vorweggenommen. Er hat somit seine Robustheit gegenüber Eiszeiten bereits erfolgreich bewiesen, während andere Salzstöcke diese Bewährungsprobe noch vor sich haben.
Dabei blendet die BGR aber aktuelle Erkenntnisse aus: Die Lage der vorhandenen Eisrinnen in Norddeutschland ist keineswegs zufällig. Ein Blick auf die in dem geowissenschaftlichen Großprojekt „Geodynamica Baltica“ erstellte Karte zeigt deutlich, dass die Eiszeitrinnen eine bevorzugte Richtung und Lage haben. Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch der Grund, warum zahlreiche Salzstöcke noch von intakten Tonschichten bedeckt sind. Diese Vorzugsrichtung ist mit der Vorzugsrichtung der Eisströme aus Norden und Nordosten zu erklären. Warum sollten zukünftige Eisströme andere Richtungen als aus Skandinavien wählen? Hierzu schweigt die BGR. Es ist aus geologischer Sicht auch unwahrscheinlich.
Darüber hinaus hängt die Vorzugslage der tiefen Eisrinnen mit der aktiven Störungszone entlang des Elbe-Lineamentes zusammen. Da es nach Stackebrandt zu einer Senkung in der Mitteleuropäischen Senkungszone kam, konnten dort die Ablagerungen durch die Eiszeit leichter ausgeräumt werden. Die Rinnen sind somit wegen der Bewegungen hier tiefer. Auch diese Erkenntnisse verschweigt die BGR. Andernfalls müsste sie auch zugeben, dass die besondere Lage des Gorlebener Salzstocks in einer Senkungszone mit tiefreichenden eiszeitlichen Rinnen ein eindeutiger Standortnachteil des Salzstocks Gorleben-Rambow gegenüber anderen Salzstöcken in Norddeutschland ist.
 

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